Inhaltsverzeichnis

 

 Unsere Ländereien:

Audienz bei König Chikulamayembe – Unsere 500 Hektar  Buschland – Nackte Gewalt - Unser Urwaldgrundstück

 

  Meine Freundin Maggie:

Auf der Ehrentribüne des Präsidenten – König Mtwalos Unterstützung – Vorwurf der Hexerei – Genitalverstümmelung

 

  Mein kleiner Jimmy:

Brandstiftung - Tropensturm – Begegnung mit einem Leoparden – Giftschlangen – Vor Gericht

 

  Minister, Geheimdienstler und normale Bürger:

Erdbeben – Morde und Handel mit Leichenteilen – Hochzeit – Audienz beim Gesundheitsminister

 

Anhang:

Index –Literaturempfehlungen – Landkarten

 

 

Unsere Ländereien

 

Donnerstag, 24.03.2005

Als die Maschine endlich in Lilongwe landete, war ich hundemüde vom langen Flug. Meine Reise hatte am Morgen des Vortages begonnen, und jetzt ging es auf zwölf Uhr mittags zu. Die zurückliegende Nacht hatte ich sitzend verbracht. Manchen Leuten gelingt es, so zu schlafen. Mir nicht. Jetzt wollte ich einfach nur ein Bett und meine Ruhe. Und ich hatte keine Ahnung, wo ich beides finden könnte.

In dem modernen Empfangsgebäude wurden wir zügig abgefertigt. Die meisten Passagiere waren offenbar Einheimische; die wenigen Weißen sahen so aus, als ob sie keine Touristen wären, sondern Residents, die hier in Malawi eine Arbeit und bzw. oder eine Familie hatten.

  Ich schleppte meinen dicken Rucksack nach draußen an die Bushaltestelle, von wo laut Reiseführer eine Verbindung ins Zentrum von Lilongwe bestand. Ungünstigerweise hatte man den Shuttle-Verkehr eingestellt. Das fing ja gut an! Da sah ich ein weißes Pärchen mit einem Taxifahrer feilschen. Die beiden wollten zur Unterkunft „Kiboko-Camp“. Mir war alles recht. Hauptsache, ich konnte endlich schlafen. Wir wurden uns handelseinig, und ab ging die Post.

  Die Straße vom Flughafen zur Innenstadt ist ein wahres Schmuckstück. Das makellose Asphaltband wird von Parkanlagen gesäumt, zwei grünen Bändern aus blühenden Ziergehölzen und gepflegtem englischen Rasen. Kilometerlang. Die Fahrzeuge glänzten in der Sonne. Welche Schönheiten! Die Menschen, die dann und wann zu sehen waren, trugen ordentliche Kleidung. Von Armut und Not keine Spur.

Die beiden Weißen arbeiteten für irgendeine Hilfsorganisation, hatten heftig Frust und machten aus ihren Ansichten kein Geheimnis: Malawi werde ewig arm bleiben. Die Afrikaner seien alle dumm, faul, verlogen und korrupt. Und überhaupt sei alles Sch... .

Na, toll!

 

  Kiboko-Camp ist ein freundlicher Ort mit gemischten Schlafsälen, Etagenbetten, sanitären Anlagen halb im Freien, überdachter Speiseterrasse und vor allem mit vielen interessanten Leuten. Allerdings gibt es keine abschließbaren Schränke, erst recht keine abschließbaren Einzelzimmer und schon gar keine Ruhe.

  Vertrauensvoll stellte ich meinen Rucksack in eine Ecke und tippelte dann gemeinsam mit einer jungen Amerikanerin Richtung Innenstadt. Wir folgten einer herrlichen alten Allee. Zu beiden Seiten standen Einfamilienhäuser in großzügig bemessenen Gärten. Nach einem Kreisel bogen wir links ab und traten von der grünen Vorstadt direkt ins Zentrum mit Banken, Hauptpost, Supermärkten und Fachgeschäften. Ich tauschte einen Traveller Cheque in malawisches Geld und kaufte eine Sonnencreme und eine große Flasche Mineralwasser. Die junge Amerikanerin erstand einen Fußball für „ihre“ Waisenkinder. Danach schlenderten wir zu „Ali Baba“, einem libanesischen Lokal. Am meisten interessierte mich dort die Toilette. Ein wirklich praktisches Kämmerchen, auch wenn es hier weder Papier noch Seife gibt. Es ist der richtige Ort, um den Packen Kwacha-Scheine, den ich in der Bank erhalten hatte, zu verstauen: das Kleingeld lose in die Hosentasche, das Geld für zwei oder drei Tage im Portemonnaie, das große Geld zusammen mit Ausweis, Schecks und Flugticket im Bauchbeutel unter der Kleidung.

Die Amerikanerin bestellte sich eine von Fett triefende Pizza, während ich die malawische Küche entdecken wollte mit Nsima (Maisbrei) und Rindfleisch. Erwartet hatte ich so etwas wie Polenta mit Gulasch. Aber nein! Nsima besteht aus Wasser und Maismehl. Sonst nichts. Auch kein Gewürz. Noch nicht mal Salz. Die Malawier nehmen das Reinheitsgebot sehr ernst. Das Fleisch ist in dünne Streifen geschnitten, an denen man ewig kaut und dabei dem armen hundertjährigen Rind ähnelt, das man zwischen den Zähnen hat.

Ich ging sehr zeitig zu Bett. Gewiss, ich hörte, wie der Regen auf das Wellblechdach trommelte, ohrenbetäubend. Zwischendurch schien es mir so, als ob es irgendwo rauschen und plätschern würde und als ob Leute geschäftig umherhasteten. Aber es interessierte mich nicht, ich wollte nur schlafen.

Als es hell wurde, sah ich dann die Idylle: Aus einem Loch in der Decke tröpfelte Regenwasser in einen Eimer. Offenbar hatte man den zwar immer wieder geleert, aber wohl nicht schnell genug. Das hatte zur Folge, dass sich etliche Liter auf den staubigen Fußboden ergossen hatten, wo sich nun eine dunkelbraune knöcheltiefe Schlammschicht befand. Der Regen hatte inzwischen nachgelassen, und die Gäste des Kiboko-Camps waren mit den Aufräumungsarbeiten beschäftigt. Alles, was auf dem Fußboden gelegen hatte, war nun schlammgetränkt, Taschen, Schuhe, Jeans, Reiseführer, alles – außer meinem Rucksack. Der stand in einer Ecke des Zimmers, wo der Betonboden einen Hubbel hatte. Das trockene Fleckchen maß vielleicht einen halben Quadratmeter, und die Dreckbrühe reichte etwa zwei Zentimeter nah an meine Habe heran. Wackeres Schutzengelchen!

Ich spazierte erneut in die Innenstadt, diesmal aber gut ausgeschlafen, neugierig und voller Tatendrang.

Eigentlich hat Lilongwe mindestens drei Stadtzentren. Da ist das Regierungsviertel mit repräsentativen Bauten und reichlich Grünanlagen, das Machtzentrum des Landes. In einiger Entfernung gibt es die Altstadt mit dem Markt, dem Busbahnhof und einer ansehnlichen Moschee. Unweit davon liegt das neue Zentrum, wo sich die Banken, Internet-Cafés, der Kunstgewerbemarkt, einige nennenswerte Supermärkte und etliche Fachgeschäfte befinden.

Lilongwe ist gepflegt – soweit dies mit geringen finanziellen Mitteln möglich ist. Regelrechte Gehwege existieren fast nur in den Zentren, und auch da sind sie mitunter schadhaft bis lebensgefährlich, weil immer wieder die Abdeckungen der Wasserleitungen fehlen. Diese Fallgruben sind mitunter mehrere Meter tief und niemals, wirklich niemals mit einer Absperrung gesichert. Schon deshalb sollte man es tunlichst vermeiden, nachts in der Stadt herumzulaufen. Allerdings werden die Gehwege und Plätze gewissenhaft gefegt. Die Malawier sind ein reinliches Völkchen.

Das zeigt sich auch in der stets sauberen und gepflegten Kleidung. Häufig stammt diese vom Altkleidermarkt, aus Kleiderspenden europäischer Provenienz. Unsere „milden Gaben“ werden in Afrika keineswegs kostenlos an die Bedürftigen abgegeben, sondern verkauft. Die Preise sind lächerlich gering, aber für die wirklich Armen immer noch zu hoch. Gleichzeitig schädigen die Dumpingpreise der europäischen Gebrauchtwaren die malawische Textilindustrie.

 

Wie in vielen anderen Ländern der Dritten Welt ist es auch in Malawi üblich, dass sich die Männer und Jungen nur europäisch kleiden, während die Frauen und Mädchen mehrheitlich traditionelle Gewänder bevorzugen. Gleiches gilt für die Haartrachten.

Im Straßenbild sieht man vor allem Afrikaner, gelegentlich Asiaten und selten Europäer. Letztere scheinen meist „Residents“ zu sein, also hier zu wohnen, das erkennt man an der Hautfarbe. Nur ausnahmsweise erblickt man Touristen, bleich und staunend, von den Andenkenverkäufern sofort geoutet.

Die meisten Europäer findet man auf dem Busbahnhof, in den Banken, im Supermarkt „Shoprite“ und in unmittelbarer Nähe der genannten Orte. Und man sieht sie gelegentlich in dicken, blitzblanken Geländewagen jüngeren Datums.

Ja, der Straßenverkehr!

Vor meiner Ankunft in Lilongwe war ich der Meinung, auf den Straßen der malawische Hauptstadt gehe es hektisch zu, alles sei bunt, laut, stinkend und turbulent, ein großes Gewimmel aus knatternden Mopeds, malerischen Eselskarren und schreienden Marktfrauen.

Völliger Unsinn!

Mopeds und Esel sind echte Raritäten, Händler und Marktfrauen schreien nicht herum, sondern machen höchstens durch ein leises „Sssss“ auf sich aufmerksam, und überhaupt sind die Malawier dezent, geduldig, höflich und rücksichtsvoll. Die meisten jedenfalls. Und das macht den Umgang mit ihnen so angenehm.

Das wichtigste Verkehrsmittel sind die eigenen Füße, das zweitwichtigste der Mini-Bus, das drittwichtigste das Fahrrad. Danach kommen – ich weiß nicht, mit welcher Verteilung – Pick-up, Geländewagen, Pkw, Lkw und Bus.

Ein starkes Verkehrsaufkommen findet man im Zentrum der Altstadt, im Zentrum der Neustadt und auf einigen Verbindungsstraßen dazwischen. Ansonsten geht es recht ruhig zu. Nur sollte man nie vergessen, dass in Malawi Linksverkehr herrscht.

Genau das geschah mir an meinem zweiten Tag in Lilongwe. Ich wollte den Verkehrsknotenpunkt zwischen der Hauptpost und Shoprite überqueren und schaute in die falsche Richtung. Bremsenquietschen. Knapp einen Meter entfernt von meinen Knien sah ich die Stoßstange eines mächtigen Geländewagens. Der Fahrer, ein malawischer Herr in feinstem Zwirn, schüttelte rügend den Kopf. Ich spürte, wie ich zuerst bleich wurde und dann knallrot anlief. Jeder Mensch ringsum sah zu mir herüber. Auch die Andenkenverkäufer. Und schon kamen sie angerannt und umschwirrten mich wie Wespen ein Zuckertörtchen. Sie waren ganz unmalawisch penetrant. Ich flüchtete in ein Schreibwarengeschäft, wo ich mich eine halbe Stunde herumdrückte. Zuerst wegen der Andenkenverkäufer, später wegen der Schulbücher über Ackerbau und Viehzucht, was hier ein reguläres Unterrichtsfach ist. Schließlich kaufte ich Band I einer agrarwissenschaftlichen Reihe. Sehr interessant! Außerdem erstand ich ein Heft, um eben dieses Tagebuch führen zu können.

Auf dem Nachhauseweg fiel mir neben einer Einfahrt ein Schild auf. „St. Peter's Church“ stand darauf. In meinem Reiseführer wurde über das Gästehaus der Kirche durchweg Positives berichtet, nur sei es ständig ausgebucht. Ich fragte nach einem Bett und hatte Glück. Und gleich in mehrfacher Hinsicht. Nicht nur, dass ich so zentrumsnah einen preiswerten Übernachtungsplatz bekommen habe, nein, ein ganzes Zimmer hatte ich für mich! Keine anderen Gäste, nur himmlische Ruhe! Sofort holte ich meinen Rucksack vom Kiboko-Camp und richtete mich in St. Peter's wohnlich ein.

Das Gästehaus ist eine Mischung aus minimalistisch eingerichteter Jugendherberge und Kloster. Hinter einer hohen Mauer liegen Kirche, Kindergarten, Verwaltung, Pfarrhaus und die Unterkünfte. Letztere bilden von oben gesehen ein großes L, das nach innen offen ist, sozusagen ein halber Kreuzgang, von dem aus man in die Schlafräume gelangt. In den Zimmern stehen Etagenbetten, Platz für zwei bis vier Personen. Selbstverständlich nicht gemischt. Man ist hier bei der Kirche zu Gast.

Ich schlenderte durch den Park von St. Peter's, bewunderte die herrlichen Franjipaniblüten, den Mangobaum, die Papayastauden und schließlich eine bunte Schar Hühner. Ein Junge von vielleicht 14 Jahren gesellte sich zu mir.

„Das Geflügel gehört meiner Tante“, erklärte er. „Manchmal haben wir Perlhühner. Die Tante legt Perlhuhneier unter eine normale Glucke, und dann haben wir Perlküken.“

Unglaublich! Monate vor meiner Reise hatte ich den Entschluss gefasst, in Afrika Perlhühner zu halten und den Touristen zu kredenzen. Mir war nur noch nicht klar, wie ich die Tiere nach Malawi bringen sollte. Zwar stammen diese Vögel aus Afrika, aber in der Fachliteratur wird behauptet, in ihrer Heimat gebe es nur die Wildform, die ca. zwölf Eier im Jahr legt; in Europa dagegen lebe die Nutzform, die gut mastfähig ist und ca. hundert Eier liefert. Sollte die Tante wilde Perlhühner ausbrüten lassen, wäre die Sache vom ökonomischen Standpunkt her uninteressant. Wenn diese Dame aber tatsächlich Mast-Perlhühner aufziehen würde, dann wäre ich sozusagen über die Nadel im Heuhaufen gestolpert.

„Woher bekommt deine Tante diese Eier?“

„Vom Schwager eines Angestellten. Soll ich ihn holen?“

Der freundliche Junge brachte Mr. Mateyu herbei, einen kleinen, schmächtigen Herrn in zerschlissenem Blaumann und mit zwei unterschiedlichen Flipflops. Der Kleidung nach zu urteilen verrichtet Mr. Mateyu nur subalterne Dienste, sein Englisch ist aber tadellos, was auf gute Schulbildung schließen lässt. Er verstand sofort, worum es mir ging, und bot an, seinen Schwager am kommenden Sonntag nach St. Peter zu holen. Ich lehnte erst einmal ab, nein, das sei zu viel verlangt, ich könne ja auch selbst zu diesem Herrn gehen.

„Ausgeschlossen“, widersprach Mr. Mateyu, „das ist viel zu weit. Erst muss man mit dem Bus fahren und dann stundenlang quer durch den Busch laufen. Und danach alles wieder zurück. Ich nehme mir frei und hole meinen Schwager hierher.“

Man stelle sich bloß mal diese Situation in Deutschland vor: Irgendein Afrikaner, den Sie noch nie zuvor gesehen haben, erzählt Ihnen, er habe so großes Interesse an etwas, das eine halbe Tagesreise entfernt zu finden ist. Würden Sie sich für diesen Fremden einen Tag unbezahlten Urlaub nehmen? Würden Sie für diesen Menschen mehrere Stunden durch die Landschaft latschen? Wohl kaum.

Aber Mr. Mateyu tat es. Und sein Schwager ebenfalls. Unglaublich. Sie fanden sich beide in St. Peter's ein. Das Gespräch ergab, dass es sich bei den Perlhühnern des Schwagers tatsächlich um Mast-Perlhühner handelt. Und er versicherte mir, natürlich könne ich einige davon kaufen, sobald ich Land und Ställe hätte. Bingo! Der Transport des edlen Geflügels aus Europa hätte gut und gerne tausend Euro gekostet. Diese Ausgabe kann ich mir also sparen. Und das habe ich Mr. Mateyu zu verdanken.

Also fragte ich den guten Mann, womit ich ihm eine Freude bereiten könne. Er erzählte, er spare für ein Fahrrad. Seine Unterkunft liege weit außerhalb, deshalb müsse er schon vor Sonnenaufgang um fünf Uhr früh das Haus verlassen und zwei Stunden zu Fuß gehen, um seine Arbeit pünktlich um sieben Uhr zu beginnen. Der lange Marsch durch die Nacht sei nicht nur unbequem, sondern vor allem gefährlich, zu leicht könne man im Dunkeln überfahren werden oder auf eine giftige Schlange treten. Ob ich ihm vielleicht etwas in die „Fahrradkasse“ zahlen möchte.

 

Am nächsten Tag ging ich in die Altstadt. Ich folgte der alten Allee bis zum Kreisel. Gleich dahinter überquerte ich den Fluss Lilongwe. Die Brücke ist ein Nadelöhr und dringend reparaturbedürftig, bietet aber eine gute Aussicht auf den Strom. Einige Leute wuschen Kleidung. Eine Gruppe kleiner Jungen badete nackt, die schokoladenbraune Haut glänzte in der Sonne.

In der Altstadt gibt es zahllose kleine Läden. Die Inhaber sind meist Asiaten, die emsig wuselnden Angestellten aber Afrikaner. Der Chef ist stets anwesend, häufig thront er auf einem besonders hohen Stuhl, so ähnlich wie ein Schiedsrichter beim Tennis, gibt Anweisungen und hat alles im Blick, besonders die Kasse.

Mehrere Geschäfte bieten Fahrräder an. Das Sortiment sieht aber immer gleich aus: eine größere Anzahl Einfachst-Räder ohne Gangschaltung, einige Kinder-Räder und zwei oder drei mit Gangschaltung. Die Primitiv-Räder Modell „Ewigtrampler“ kosten überall etwa fünfzig Euro, machen einen soliden Eindruck und sind vermutlich leicht zu warten, was man von ihren luxuriöseren Kollegen wahrscheinlich nicht behaupten kann.

Also drückte ich dem wackeren Mr. Mateyu das Geld für sein Fahrrad in die Hand. Der konnte sein Glück kaum fassen. Aber ich bin überzeugt, diese Entlohnung ist durchaus angemessen.

Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich im Garten von St. Peter's. Um mich herum grünt und blüht alles. Und diese herrliche Ruhe! Es ist paradiesisch.

 

 

Freitag, 25.03.2005

Allmählich treffen auch andere Gäste ein. Erst tröpfelten sie, nun strömen sie. Grund ist das nahe Osterfest. Ein Bischof soll den Gottesdienst zelebrieren. Zusammen mit Father Matumbo, dem Pfarrer von St. Peter's.

Ich teile jetzt das Zimmer mit zwei sympathischen malawischen Damen mittleren Alters. Die eine ist Geschäftsfrau, sie sucht hier in der Hauptstadt eine preiswerte Mietwohnung. Die andere arbeitet als Krankenschwester, sie ist extra wegen der Ostermesse angereist. Ich erzählte, dass ich mich in Malawi umschauen will, weil mein Mann und ich hierher auswandern wollen. Vielleicht. Mal schauen. Laut Internet könnte der Norden schön sein. Das Städtchen Rumphi macht einen guten Eindruck. Und es liegt nah an zwei Nationalparks. Es sind das Vwaza Marsh Game Reserve – sehr wildreich – und der Nyika National Park. Er ist der größte Malawis und besteht aus Wäldern und Grasland. Erst 1999 wurden diese Flächen im Rahmen des Nyika Vwaza Conservation Project unter Schutz gestellt. Der deutsche Geograph Prof. Schmidt-Kallert war maßgeblich daran beteiligt. Ihm haben wir es also zu verdanken, dass wir unseren Touristen Safaris anbieten könnten. So richtig mit Elefanten und Nashörnern und Löwen.

Aber auch außerhalb der Parks gibt es viel zu sehen: Dörfer, bunte Märkte, Wälder und Strände, die noch nicht touristisch versaut sind. Also das authentische Afrika.

 

Die beiden Damen stimmten mir zu: Ja, der hügelige Norden Malawis sei tatsächlich landschaftlich reizvoller als die Mitte des Landes und klimatisch angenehmer als der glutheiße Süden. Und Rumphi werde mir wohl gefallen.

Ich schilderte auch den so genannten sanften Tourismus, sehr zum Wohlgefallen der Malawierinnen.

Soweit das Positive. Weniger begeistert mich, was die Krankenschwester über die Malaria-Prophylaxe sagt. „Lariam“ sei nicht für den Dauergebrauch geeignet. Nach spätestens drei Jahren sei meine Leber zerstört. Ich muss mir also etwas einfallen lassen.

 

 

Montag, 28.03.2005

Die Feiertage trödeln so dahin. Unternehmen kann ich nichts. Alle Behörden haben geschlossen, und ob die Busse nach Rumphi fahren, weiß niemand. Ich muss mich gedulden. Das empfinde ich aber keineswegs als Zeitverschwendung, denn ich erkunde auf meinen Spaziergängen die Umgebung.

Das hier ist wirklich so richtig Afrika. Nicht nur Fake, damit die Touristen etwas zum Fotografieren und Filmen haben, bevor sie wieder in den vollklimatisierten Bus steigen, der sie zurück zum Hotel bringt. Nein, das hier ist alles echt. Die farbenprächtig gewandeten Frauen, die barfüßigen Kinder, die Fahrradtaxen, die Lkw, auf deren Ladeflächen Leute stehen. Alles, alles ist echtes, authentisches Afrika. Afrikanisches Afrika sozusagen. Touristen gibt es hier kaum. Erkennen kann man sie an ihrer Hautfarbe. Diese reicht von zartem Beige über Rosa und Rot bis zum Rotbraun. Missionare, Ordensschwestern und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen haben im Gegensatz dazu braune Haut, mal heller, mal dunkler, aber in jedem Falle braun ohne einen Stich ins Sonnenbrandrot. Diese letztgenannte Gruppe fährt bevorzugt weiße Toyota-Geländewagen, auf deren Türen der Name der Hilfsorganisation geschrieben steht. Es scheint Unmengen davon zu geben. Ich wollte, es täte einen gewaltigen Knall und ich wäre wieder zwanzig und könnte Agrarwissenschaften studieren und anschließend in Afrika einen Beitrag leisten zur Bekämpfung von Hunger und Armut. Aber diesen Knall wird es nie geben. Ich kann bloß versuchen, auf anderem Wege den Malawiern zu helfen, zum Beispiel, indem ich Arbeitsplätze schaffe. Ich mag diese Menschen hier. Sie haben unsere Hilfe verdient. Nicht zuletzt, weil sie nur deshalb arm sind, weil wir reich sind. Jahrhundertelang haben Weiße die Afrikaner versklavt, haben ihre Heimat zu Kolonien gemacht und deren Rohstoffe ausgebeutet, und bis heute verhindern wir in den Industrienationen, dass Waren aus der Dritten Welt zu fairen Preisen an uns verkauft werden. Es ist eine Schande. Wir Europäer müssen Wiedergutmachung leisten. Gewiss, ich als einzelne Person kann unmöglich ganz Malawi retten, das weiß ich sehr wohl. Aber in meiner unmittelbaren Umgebung kann und will ich den Malawiern helfen.

 

 

Dienstag, 29.03.2005

Das Wetter ist super. Warm und sonnig wie bei uns in Deutschland nur im Hochsommer. Leider hat sich meine Haut noch nicht an so viel Gutes gewöhnt. Deshalb sitze ich nun im Schatten und vertreibe mir die Zeit mit meinem Tagebuch.

Ich sollte jetzt einmal erklären, was ich hier in Malawi überhaupt will. Dazu muss ich etwas weiter ausholen:

Ich stamme aus einer Familie, in der Staatsgrenzen keine große Bedeutung haben. Schon um 1900 arbeiteten Verwandte in Spanien, Marokko, USA, Argentinien und Chile. Und noch heute lebt der größte Teil meiner Familie außerhalb Deutschlands. Deshalb kann ich keinen Sinn darin erkennen, dort zu verharren, wo ich zufällig hingeboren worden bin.

Die Welt ist groß! Es gibt Orte, wo ich nicht den überwiegenden Teil des Jahres nur vermummt vor die Haustür treten kann. Orte mit viel Platz. Orte, die Chancen bieten und Herausforderungen. Deutschland hat seine Qualitäten, ganz ohne Frage, aber es ist kalt und eng und verplant. Die Konsequenz: Auswandern.

Vor über zwanzig Jahren saß ich in der sonnigen Macchie Spaniens. Neben mir Günter. Die Luft war samtig und warm. Ein großer Falter flog vorüber. Es duftete nach Thymian. In weiter Ferne rauschte eine Straße. Wir waren jung, hatten das Leben sozusagen noch vor uns und begannen, es zu planen.

„Ach, weißt du“, sagte Günter plötzlich, „am liebsten würde ich hier bleiben. Spanien befindet sich im Aufschwung. Jetzt kann es nicht schwierig sein, hier etwas aufzubauen. Der Bedarf hier ist wesentlich größer als in Deutschland. Egal, worum es sich handelt. Ich könnte hier ...“ Und er schilderte mir seine Pläne. Nicht nur eine einzige Idee, nein, gleich mehrere. Mein Herz schlug Purzelbäume. Zugegeben, Günter war nicht der erste Mann in meinem Leben, aber der erste, der auswandern wollte.

„Meinst du das wirklich ernst?“, fragte ich erstaunt.

„Ja, natürlich.“

„Es gibt viele Leute, die vom Auswandern reden“, sagte ich, „aber es bleibt dann doch nur eine Träumerei. Sie sind zu faul, zu feige und finden immer wieder eine Ausrede, warum sie nicht den Hintern hoch bekommen. Es läuft immer nach demselben Muster ab: Man bleibt in Deutschland pappen, weil man gerade den richtigen Partner gefunden hat. Man zieht in eine gemeinsame Wohnung, da will man doch nicht gleich wieder ausziehen. Man heiratet und setzt deshalb erst mal andere Prioritäten. Dann wird man beruflich zu sehr gefordert, als dass man sich auch noch um seine Auswanderung kümmern könnte. Kaum ist das überstanden, kauft man sich ein Haus, ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt, seine Heimat zu verlassen. Und wenn die Kinder geboren werden, muss man selbstverständlich erst mal auf die Kleinen Rücksicht nehmen. Sie sind ja so winzig und so fragil. In fünf Jahren kann man bestimmt viel besser auswandern. Aber nun werden die Kinder eingeschult. Wie sollen sie da im fremdsprachigen Ausland klarkommen?! Man wartet halt die paar Jahre, bis die Kinder außer Haus sind. Nun aber sind die eigenen Eltern gar so alt und gebrechlich. Unmöglich, sie jetzt im Stich zu lassen. Man wartet wieder ein paar Jährchen, und dann plötzlich ist man selber alt und gebrechlich. Aus der Traum!“

Günter lachte: „Klasse Rede! Aber mir passiert das nicht. Mir ist es ernst.“

Wir fuhren zurück nach Deutschland. Es war dunkel, regnerisch, kühl und eng, aber ich tröstete mich mit dem Gedanken, mit Günter zusammen in den Süden auszuwandern. Schon bald.

Wir zogen in eine gemeinsame Wohnung. Wir heirateten. Wir waren beruflich sehr gefordert. Wir kauften ein Haus ...

So verging Jahr um Jahr. Nur im Urlaub erneuerten wir unseren Vorsatz, uns eine Existenz im Süden aufbauen zu wollen.

„Es sind deine Geschäftsideen“, pflegte ich zu sagen, „du bist es also, der sich um die Realisierung kümmern muss.                      Wenn du angefangen hast, mache ich mit! Aber du musst den ersten Schritt tun.“

„Ja. Das mache ich. Versprochen. Nächstes Jahr leben wir im Süden. Spätestens übernächstes.“

Und dabei blieb es dann. Der Alltag ist ein graues Monster, das uns erst im Urlaub aus den Fängen ließ, wenn Günter wieder voller Spanien-Begeisterung von unserem zukünftigen Leben im Süden schwärmte.

Die Zeit verging.

Ein Leben währet siebzig Jahr, wenn' s hochkommt achtzig Jahr. Mein vierzigster Geburtstag markierte demnach das Ende der ersten Halbzeit, und ich hockte immer noch in Deutschland. So hatte unsere Lebensplanung doch nicht ausgesehen. Ich war verzweifelt, und mein Mann zeigte sich genervt von meiner miesen Laune. Wir steckten in einer Ehekrise. Sogar eine Scheidung stand zur Diskussion.

Endlich rauften wir uns wieder zusammen, und Günter machte sich auf den Weg, seine Pläne zu verwirklichen. Er suchte in Spanien eine passende Immobilie. Vergebens. Dann in Portugal, Italien, Griechenland und Bulgarien. Wohin er auch kam, überall schlitzohrige Makler, raffsüchtige Bauern, teure Ruinen und große Enttäuschungen. Wir waren einfach zu spät dran, die Schnäppchen hatten sich entschlussfreudigere Leute gesichert, und wir, die Zögerer und Zauderer, machten jetzt lange Gesichter. Die ganze Sache kostete Geld, Kraft und Zeit.

Eines Tages sagte Günter: „Ich weiß jetzt, warum ich nichts Passendes finden konnte. Eigentlich wollen wir doch gar nicht nach Südeuropa, das wäre ja nur der halbe Schritt. Eigentlich wollen wir doch nach Afrika, also lass uns den ganzen Schritt gehen!“

Welch eine Überraschung! Afrika. Das waren Urlaubserinnerungen und Grzimek-Filme und Ernest aus Benin, dieser blitzgescheite, strebsame Student, mit dem ich als Zwanzigjährige befreundet war. Heute ist er Professor in Aachen.

Natürlich weiß ich auch von dem Afrika, das uns in den Nachrichten und Spendenaufrufen begegnet. Kriege, Bürgerkriege, Armut, Dürrekatastrophen, Hunger, Malaria, AIDS und mittelalterliche Seuchen. Ja, diese Dinge gibt es, aber sie existieren doch nur punktuell auf einem riesigen Kontinent, wo der Alltag normalerweise ruhig und friedlich verläuft. Fast überall. Nur berichten die Medien nicht darüber, es wäre ja langweilig. Aber die unrühmlichen Ausnahmen, die ziehen Reporter an wie der Misthaufen die Schmeißfliegen. So entsteht in unseren Köpfen das Zerrbild von diesem Erdteil, und wir glauben, dort seien die Straßen mit Leichen gepflastert.

Günter hat beruflich oft im Ausland zu tun. Und wenn er dort die Nachrichten sieht, scheint Deutschland vollgestopft zu sein mit Neonazis. Tatsächlich ist mir noch kein einziger begegnet.

Gewiss, die meisten Afrikaner sind nicht so wohlhabend wie wir. Es kann auch mal eine Regenzeit ausfallen. Und natürlich werden auch mal irgendwelche Leute krank. Aber selbstverständlich tun die Regierungen und unzählige Organisationen ihr Bestes, um all diese Probleme zu lösen. In einigen Jahren ist es kein Katastrophen-Kontinent mehr.

Bei unserer Suche nach einem afrikanischen Staat mit angenehmem Klima, schöner Landschaft, gastfreundlichen Einwanderungsbestimmungen, stabilen politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen, stießen wir auf ein halbes Dutzend Aspiranten. Nachdem ich im Sommer 2004 die betreffenden Botschaften in Berlin besucht hatte, war mein Favorit Malawi, dieses kleine Land zwischen Sambia, Mosambik und Tansania.

Mein Mann hat mich erst einmal hergeschickt, damit ich hier Urlaub machen soll. Falls es mir in Malawi gefällt, will er später hier eine Immobilie kaufen für Landwirtschaft und sanften Tourismus.

 

 

Mittwoch, 30.03.2005

Ostern ist vorüber, und die Gäste verlassen St. Peter's. Auch die Krankenschwester in meinem Zimmer hat schon gepackt, ist aber noch mal schnell hinter das Pfarrhaus gelaufen, kam aufgeregt zurück und berichtete:

„Gestern habe ich dem Bischof erzählt, dass eine weiße Lady sanften Tourismus in Rumphi machen will. Der hohe Herr war beeindruckt. Und Sie werden nicht erraten, aus welcher Stadt der Chauffeur des Bischofs stammt. Aus Rumphi! Und er bekommt eine ganze Woche Urlaub, damit er mit Ihnen dorthin reisen kann. Er wird Ihnen helfen, er ist ein guter Mann, ein frommer Mann, er arbeitet schließlich für den Bischof.“

Und dann wurde mir dieser Mann vorgestellt. Er sieht aus wie Gaddafi in Jugendjahren, heißt Mr. Luanga, hat ausgesucht höfliche Umgangsformen, spricht ein makelloses Englisch, aber auch Chichewa und Chitumbuka. Er scheint einfach perfekt zu sein. Ich freue mich über die glückliche Fügung.

Unsere Reise in den Norden soll erst am Wochenende beginnen. So habe ich noch etwas Zeit, mich hier umzuschauen.

Die Umgebung von St. Peter's gehört wohl zu den besseren Wohngegenden. Einfamilienhäuser, große Gärten mit Flammenbaum, Frangipani, Blumenrohr und Bougainvillea. Die Pracht ist meist hinter hohen Mauern verborgen, doch gelegentlich reckt sie sich auch darüber oder linst durch ein Tor, wenn eine gepflegte Limousine hindurchrollt. Wer hier wohnt, kauft bei „Shoprite“, wo auch Waren aus den USA und Südafrika auf finanzkräftige Kunden warten. Das gemeine Volk hingegen deckt seinen Bedarf auf dem Markt und in jenen kleinen Läden, wo es nach billiger Kernseife riecht und wo sandige Dörrfischchen, brauner Rohrzucker, Maismehl in offenen Säcken, einzelne Schmerztabletten und bündelweise Stearinkerzen angeboten werden. Letztere haben hier nichts mit Weihnachten zu tun, sondern bloß damit, dass in Malawi etwa 90% der Haushalte keinen Stromanschluss besitzen.

St. Peter's hat zwar einen, aber die Energieversorgung ist unzuverlässig. Wir haben schon mehrfach im Dunkeln gesessen.

 

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